Der Coelibat

Vor unsern Augen denn soll böser Pfaffen Mund
Die Wahrheit ungestraft verschreien,
Und Irrtum unters Volk kraft ihrer Sendung streuen?
Wir aber täten nicht der Weisheit Lehre kund,
Wir schwiegen wie ein stummer Hund?
Nicht ich! Zwar sieh, um seinen finstern Winkel
(Mönchsschlauheit nennt ihn Heiligtum)
Zog Wahn, Betrug und Eigendünkel
So manches Bollwerk, manchen Wall herum:
Doch töne, meine Stimme, dass dein Schall,
Gleich dem von Josuas Posaune,
Zusammenschmettre den papiernen Wall,
Das Christenvolk hineinseh' und erstaune!
Wer bist du denn, der unter allen Götzen
Am längsten schon Altär' und Tempel hat,
Den neulich erst ein Kirchenrat
Der heil'gen Ehe vorzusetzen
Mit einem Fluch geboten hat?
Wer bist du, Unhold Cälibat?
Ein böser Landentvölkerer,
Ein Mörder so viel Ungeborner,
Des schmutz'gen Kamos[1] Auserkorner,
Um welchen eine Welt Bekutteter
Versammelt ist, die Heilige sich nennen,
Weil statt dem Brande der Natur,
Den jeder freventlich verschwur,
In ihren Busen nur verbotne Flammen brennen.
Du roter Mönch hier, der, auf fremdes Gut erpicht,
Den Reiz der Beichtenden mit Blicken aufzusaugen
Nie müde wird, zersprenge nicht
Die Sehnen deiner kleinen Augen!
Bring nicht auf ihre Wangen Glut,
Indem du deine Brunst zu kühlen suchst durch Fragen
Voll Lüsternheit; der Mann, in dessen Arm sie ruht,
Ihr Gatte würde sie nicht wagen.
Doch du dort mit zusammgewachsenen,
Pechschwarzen Brauen, deine Wangen gelber
Als Quitten, würdest Cythereen[2] selber,
Wie sie dem Bad entsteigt, nicht liebend huldigen;
rum heißest du der Mönche Krone,
Drum siehst du blühen deinen Ruhm,
Und dass doch etwas dir die Überwindung lohne,
Schaffst du in willige Gitone[3]
Dir schüchterne Novizen um.Dir schüchterne Novizen um.
Doch weg, mein Auge, weg von solchem Greul!
Denn hör' ich nicht auch banges Stöhnen,
Auch fürchterliches Grabgeheul
Rund um den Cälibat wie einst um Moloch tönen!
Ich zaudre, doch die Muse winket mir,
Und ob mir gleich davon die Ohren dröhnen,
Das Herz erzittert, folg' ich ihr
In schreckliche, geweihte Kerker,
Wo lebenslang mit sich manch armes Mädchen ringt,
Vertändelt seinen Tag, die halbe Nacht durchsingt,
In Einsamkeit genährt, nur desto stärker
Natur und Jugend fühlt, an seine glüh'nde Lippe
Das Bildchen eines Heil'gen jung und schön
Im Andachtsrausche drückt, am Weihnachtsfest zur Krippe
Hin kniet, nie satt, das holde Kind zu sehn,
Mit einem Schleier ihm die nackten Lendchen kleidet
Und voll geheimen Grams Mariens Los beneidet,
Noch glücklich, wenn sie so lang sich amüsiert,
Bis dass ein sanfter Tod die weinende Gerechte
Mit mitleidsvoller Hand nach Welten bringen wird,
Wo nimmermehr ein Papst durch heil'ge Henkersknechte
Die Unschuld segnend auf die Schlachtbank führt,
Der Menschheit Bräute, Mütter nimmt,
Und fürs Serail von Gottes Sohn bestimmt,
Noch glücklich, fällt es so. Wie aber, wenn sie fühlt,
Früh oder spät es fühlt: »Man hat mich hintergangen.«
Was ist Prometheus Gei'r, was Eumenidenschlangen
Dann gegen jene Qual, die ewig ungekühlt
Durch ihre wunde Seele wühlt?
Ha! Seht ihr sie das abgeschnittne Haar
Sich vollends aus mit wilden Händen raufen,
Dann, bang sie ringend, zum Altar,
Entheiligt einst durch ihre Schwüre, laufen!
Hier liegt sie von der Welt vergessen, unbedaurt,
Aushöhlend mit den Knien die harten Marmorstufen,
Um Gottes Rach' auf die herabzurufen,
Die sie hier ewig eingemaurt.
Und dringt nicht ihres Jammers Stimme,
Gott! deine Wolken durch, gibst du gerechtem Grimme
Nicht diesseits dieses Grabs, noch jenseits freien Lauf,
Dann kümmert dich die Unschuld wenig,
Dann bist du auch ein Erdenkönig,
Und ich, ich künde laut dir den Gehorsam auf.
Allgütiger! Verzeih dem Wurm!
Allein du kennst mein Herz; du weißt, dass wie ein Sturm
Gerechter Zorn mich fasst, seh' ich verruchte Pfaffen
In deinem Namen frech die Menschlichkeit entweihn!
Die Toren wähnen zwar, dass deine Donner schlafen;
Doch schlägt's noch früh genug in ihre Scheiteln ein.
Ha! Bis dahin, bis auf den Tag der Rache,
Da mögen diese Wölf' in Lämmerkleidern gehn,
Nur Heilige von ihrer Mache,
Ehloses Mönchgewürm erhöhn
Auf die unwilligen Altäre,
Wozu sie schlau das Monopolium[4]
Erschlichen und durch ihre Lehre

Verdrehn das Evangelium.
Vernunft, die sie mit Recht als ihre Feindin schelten,
Führt jeden doch, der sich mit unbefangnem Sinn
Ihr naht, zum reinen Urborn hin,
Und wider sie, die erste Lehrerin,
Darf (widersprach' es ihr) selbst Paulus' Wort nicht gelten:
Sie zeigt, es ziele jedes Rolle
Zum Ganzen dieses großen Schauspiels ab;
Zeigt, dass Allweisheit stets den Zweck erreichen wolle,
Wenn sie zum Zweck die Mittel gab:
Und bindet dies Gesetz das menschliche Geschlecht
Im Ganzen, oh, so sei der schalkhaft, ungerecht,
Der sich entziehen will, das Seine beizutragen,
Denn jeder könne seinem Recht,
Doch niemand seiner Pflicht entsagen;
Kurz, dieser Keuschheitschwur sei um kein Gran
Verdienstlicher, als wollte man
Kraft eines heil'gen Eids, nie Gottes Licht zu sehen,
Stets mit verpappten Augen gehen.
So lehret die Vernunft, allein was kümmert die
Die strengen Herrn aus Thomas' Orden!
Sie sprechen laut ihr Hohn, da sie
Seit Adams Fall zur Lügnerin geworden,
Und haben drum mit orthodoxer Hand
Aus der Theologie auf ewig sie verbannt.
Wir aber, die nicht eingeweihet
In solcherlei Mysterien sind,
Wir machen uns, um hell zu sehn, nicht blind,
Wir folgen gern, wenn sie die Hand uns leihet.
Und sie, sie führet uns in einer Gattin Arm,
Lässt unsre Sinne dort in süßer Ohnmacht schwinden,
Uns wider jede Sorge, jeden Harm
Ein stärkend Gegenmittel linden,
Und wenn uns auch schon Jahre drücken,
Schon Schnee auf unserm Haupt sich häuft,
Von jenem ersten innigen Entzücken
Schon längst Genuss und Zeit die Blüten abgestreift:
So schlägt doch Freundschaft, ewig jung,
In unserm Herzen helle Funken
Und macht durch die Erinnerung
An unser Jugendglück uns noch im Alter trunken.
Wir lieben dann die Mutter unsrer Kinder,
die willige Gefährtin, die im Leid
So gern mit uns geweint als sich im Glück gefreut,
Zwar nicht so stürmisch, doch nicht minder,
Als wie sie, eine blüh'nde Braut,
Zuerst voll Schüchternheit sich unserm Arm vertraut.
Wir danken Gott, der durch uns Erben
Der Erd' und einst dem Himmel gab,
Wir sehn getrösteter ins Grab,
Indem wir nur zur Hälfte sterben.
O Eheseligkeit, wert, dass sie Sakrament
Selbst der ehlose Priester nennt!
Doch sorgsam schwöret der dabei:
Er wolle nie darnach verlangen,
Indem 's doch Christus Rat und weit vollkommner sei,
Dies Sakrament nie zu empfangen.


[1] Kanos = Ein Gott der Unzucht. Sein Bild zerstörte Josias, 2. Buch der Könige. Kap. 23, V 13 u. 14.
[2] Cythera = Beiname der Venus
[3] Gitone = Lustsklave
[4] Es war keiner der geringsten politischen Streiche des römischen Hofes, sich wider die Gewohnheit der alten Kirche die Selig- und Heiligsprechungen ausschließungsweise zuzueignen.

 

 

 

 

 

 

 


Letzte Änderung der Seite: 06. 03. 2021 - 00:03

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