Gedichte

von Iwan Andrejewitsch Krylow

Der Esel und die Nachtigal

[1811]

Der Esel traf die Nachtigall
Und sprach zu ihr: »Verehrteste, man hört berichten
Von deiner Sangeskunst erstaunliche Geschichten.
Ich möcht' auf jeden Fall
Mich gern mit eignen Ohren überzeugen,
Ob wahrhaft großes Können dir zu eigen.«
Da gab die Nachtigall ihm ihre Künste preis:
Sie schnalzte, pfiff dann leis,
Auf tausenderlei Art, in langgezognen Läufen -
Bald klang's wie zärtliches Geheiß
Und wie der Widerhall entfernter Hirtenpfeifen,
Bald ließ sie durch den Hain ein Perlenrieseln träufen.
Und alles lauschte ihr,
Aurorens vielgeliebtem Sänger,
Die Winde legten sich, kein Vöglein sang noch länger,
Still lag das Herdentier.
Kaum atmend sah der Hirt nur hin und wieder,
Entzückt von ihr,
Ihr lauschend, auf die Hirtin lächelnd nieder.
Zum Schluß senkt' seine Stirn der Esel bis zum Knie:
»Recht ordentlich; ich muß schon ehrlich sagen,
Man hört dich ohne Mißbehagen,
Nur schade, daß du nie
Vernahmst den Kik'riki!
Was meinst du, wie du erst trompetest,
Wenn du bei ihm ein wenig lernen tätest!«
Nach solchem Urteilsspruch flog auf und schwand dem Blick
Die arme Nachtigall und kam nie mehr zurück.
Bewahre Gott auch uns vor solcher Kunstkritik!


Letzte Änderung der Seite: 06. 03. 2021 - 00:03

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