Anton Reiser. Ein psychologischer Roman.

von Karl Philipp Moritz

Dritter Teil

Indes fing nun seine Lage an, immer mißlicher zu werden – durch die Ausgaben, welche sein Teilnehmen an der Aufführung der Komödien erforderte, die seine Einkünfte weit überstiegen, und durch die Versäumnis der Lehrstunden, welche er gab, stürzte er sich immer tiefer in Schulden und fing bald an den notwendigsten Bedürfnissen des Lebens wieder an Mangel zu leiden, weil er nicht die Kunst gelernt hatte, auf Kredit zu leben. –

Seine Garderobe als Fürst im Edelknaben, die er sich, so wie jeder die seinige, selbst anschaffen mußte, kostete ihm allein so viel, als wovon er einen Monat lang alle seine Ausgaben hätte bestreiten können – und für dies alles erreichte er doch nicht einmal seinen Zweck, sich in einer auffallenden tragischen Rolle zeigen zu können, welches doch eigentlich von jeher sein Wunsch gewesen war. –

Von den drei Stücken, die an einem Abend nacheinander aufgeführt wurden, war Clavigo das erste, der Mann nach der Uhr das zweite, und der Edelknabe blieb bis zuletzt. –

Während daß nun der Clavigo aufgeführt wurde, suchte Reiser in der Anziehstube dicht bei dem Theater so viel wie möglich seine Sinne zu betäuben und sich die Ohren zu verstopfen – jeder Laut, den er vom Theater hörte, war ihm ein Stich durch die Seele – denn hier war es, wo nun eben das schönste Gebäude seiner Phantasie, woran jahrelang gebaut worden war, wirklich scheiterte, und er mußte es selbst mit ansehen, ohne es im mindesten verhindern zu können – er suchte sich mit den beiden Rollen, die er noch zu spielen hatte, zu trösten und alle seine Aufmerksamkeit darauf zu heften, aber es war vergeblich – während daß die Rolle des Clavigo nun von einem andern vor einer solchen Menge von Zuschauern wirklich gespielt wurde, war ihm zumute wie einem, der alle sein Hab und Gut ohne Rettung in den Flammen aufgehen sieht – noch bis zum letzten Tage hatte er immer gehofft, diese Rolle, es koste auch, was es wolle, zu erhalten – nun aber war alles vorbei. –

Und da nun wirklich alles vorbei und Clavigo zu Ende gespielt war, so wurde ihm wieder etwas leichter. – Aber ein Stachel blieb doch immer in seiner Brust zurück. – Er spielte nun im Mann nach der Uhr, worin Iffland den Mann nach der Uhr machte, die Rolle des Magister Blasius mit allem Beifall. – Aber dies war nicht der rechte Beifall, den er sich gewünscht hatte. – Er wollte nicht zum Lachen reizen, sondern durch sein Spiel die Seele erschüttern. – Der Fürst im Edelknaben war nun zwar eine edle, aber doch eine zu sanfte Rolle für ihn – und überdem mißlang es gewissermaßen mit der ganzen Aufführung des Stücks – denn da der Clavigo und der Mann nach der Uhr zu Ende waren, so gingen die meisten Zuschauer weg, weil es schon sehr spät war, und es blieb nicht der dritte Teil da, welche den Edelknaben noch abwarteten – dies und der quälende Gedanke an den Clavigo, den er immer noch nicht unterdrücken konnte, war Ursach, daß Reiser den Fürsten im Edelknaben sehr nachlässig und weit schlechter spielte, als er ihn hätte spielen können – und da nun alles geendigt war, mißvergnügt und traurig nach Hause ging. – Er dachte aber dabei doch noch dereinst seine Lust zu büßen, sich auf dem Theater in einer heftigen und erschütternden Rolle zu zeigen, möchte es auch kosten, was es wolle. – Daß ihm zum ersten Male dieser Genuß versagt war, reizte seine Begierde darnach nur noch stärker – und wie konnte er sicherer die Erfüllung seines höchsten Wunsches hoffen, als wenn er das zum eigentlichen Geschäft seines Lebens machte, woran ohnedem schon sein ganzes Herz hing. – Der Gedanke, sich dem Theater zu widmen, bekam daher, statt niedergedrückt zu werden, noch immer mehr Gewalt über ihn. –

Allein so wie man immer zu dem, was man zu tun wünscht, sich selbst die dringendsten Bewegungsgründe zu schaffen sucht, um sein Betragen gleichsam gegen sich selbst zu rechtfertigen – so suchte sich auch Reiser die Bezahlung der kleinen Schulden, die er zu machen verleitet war, als eine so unmögliche Sache und die Entdeckung derselben als etwas so Mißliches vorzustellen, daß er schon dieserwegen sich aus Hannover entfernen zu müssen glaubte. – Aber seine eigentlichen Bewegungsgründe waren der unwiderstehliche Trieb nach Veränderung seiner Lage und die Begierde, sich auf irgendeine Weise so bald wie möglich öffentlich zu zeigen, um Ruhm und Beifall einzuernten, wozu ihm nun freilich nichts bequemer als das Theater scheinen mußte, wo es einem nicht einmal darf zur Eitelkeit angerechnet werden, daß er sich so oft wie möglich zu seinem Vorteil zeigen will, sondern wo die Sucht nach Beifall gleichsam privilegiert ist. –

Indes fingen seine kleinen Schulden freilich auch an, ihn zu drücken, wozu noch ein paar Demütigungen kamen, die ihm vollends seinen längern Aufenthalt in Hannover zum Ekel machten. –

Die eine bestand darin, daß ein junger Edelmann, den er unterrichtete, und mit dem er sich auf der Stube desselben manchmal noch ein wenig zu unterhalten pflegte, zu ihm sagte, er habe die Ehre sich ihm zu empfehlen, ehe sich Reiser selbst noch empfohlen hatte. – Es war sehr wahrscheinlich, daß jener wirklich geglaubt hatte, Reiser mache Miene zum Weggehen, und also mit dem Abschiedskomplimente ein wenig zuvorkommend gewesen war – aber eben dies Zuvorkommende war für Reisern so erschrecklich auffallend und drückte auf einmal so sehr sein ganzes Wesen darnieder, daß er, da er schon hinaus war, noch eine Weile still stand und ihm die Arme am Körper niedersanken – dies zuvorkommende ›ich habe die Ehre mich Ihnen zu empfehlen‹ gesellte sich plötzlich in seiner Idee zu dem ›dummer Knabe!‹ des Inspektors auf dem Seminarium, zu dem ›ich meine Ihn ja nicht!‹ des Kaufmanns, zu dem ›par nobile Fratrum‹ der Primaner und zu dem ›das ist ja eine wahre Dummheit!‹ des Rektors. – Er fühlte sich auf einige Augenblicke wie vernichtet, alle seine Seelenkräfte waren gelähmt. – Der Gedanke des auch nur einen Augenblick Lästig-gewesen-seins fiel wie ein Berg auf ihn – er hätte in dem Moment dies irgendeinem Geschöpf außer ihm so lästige Dasein abschütteln mögen. –

Dann ging er aus dem Tore nach dem Kirchhofe, wo der Sohn des Pastor Marquard begraben lag, und weinte bei dessen Grabe die bittersten Tränen des Unmuts und Lebensüberdrusses. – Alles erschien ihm auf einmal in einem traurigen melancholischen Lichte – die ganze Zukunft seines Lebens war düster – er wünschte mit dem Staube vermischt zu sein, den sein Fuß betrat, und dies alles noch wegen des zuvorkommenden ›ich habe die Ehre mich Ihnen zu empfehlen‹. – Diese Worte ließen einen Stachel in seiner Seele zurück, den er vergeblich wieder herauszuziehen suchte – ob er dies gleich sich selber nicht eigentlich gestand, sondern seinen Unmut und Lebensüberdruß aus allgemeinen Betrachtungen über die Nichtigkeit des menschlichen Lebens und die Eitelkeit der Dinge herzuleiten suchte – freilich fanden sich denn auch diese allgemeinen Betrachtungen ein, die aber ohne jene herrschende Idee nur seinen Verstand beschäftigt, nicht aber sein Herz in Bewegung gesetzt haben würden. – Im Grunde war es das Gefühl der durch bürgerliche Verhältnisse unterdrückten Menschheit, das sich seiner hiebei bemächtigte und ihm das Leben verhaßt machte – er mußte einen jungen Edelmann unterrichten, der ihn dafür bezahlte und ihm nach geendigter Stunde auf eine höfliche Art die Türe weisen konnte, wenn es ihm beliebte – was hatte er vor seiner Geburt verbrochen, daß er nicht auch ein Mensch geworden war, um den sich eine Anzahl anderer Menschen bekümmern und um ihn bemüht sein müssen – warum erhielt er gerade die Rolle des Arbeitenden und ein andrer des Bezahlenden? – Hätten ihn seine Verhältnisse in der Welt glücklich und zufrieden gemacht, so würde er allenthalben Zweck und Ordnung gesehen haben, jetzt aber schien ihm alles Widerspruch, Unordnung und Verwirrung. –

Da er nun zu Hause ging, so wurde er auf der Straße erstlich von einem seiner Gläubiger gemahnet – und da er mit gesenktem Haupte melancholisch vor sich hinging, so hörte er hinter sich einen Jungen zum andern sagen: da geht der Magister Blasius! – Dies brachte ihn so auf, daß er dem Jungen auf der Straße ein paar Ohrfeigen gab, welcher nun hinter ihm herschimpfte, bis Reiser seine Wohnung erreichte. –

Von dem Tage an war Reisern der Anblick von den Straßen in Hannover ein Greuel – und vor allem war die Straße, wo der Junge hinter ihm hergeschimpft hatte, ihm am verabscheuungswürdigsten; er vermied es, wo er konnte, durch dieselbe zu gehen, und wenn er doch durchgehen mußte, so war es ihm, als ob die Häuser auf ihn fallen wollten – wohin er trat, glaubte er hinter sich den spottenden Pöbel oder einen ungeduldigen Gläubiger zu hören. –

Diese Demütigungen waren zu schnell nacheinander gekommen, als daß er sich unter dem Druck, welcher ihm von nun an den Ort seines Aufenthalts verhaßt machte, noch einmal hätte wieder emporarbeiten können. – Der Gedanke, Hannover zu verlassen und sein Glück in der weiten Welt zu suchen, wurde von nun an fester Entschluß, den er aber doch niemanden als Philipp Reisern entdeckte – dieser war damals sehr mit sich selber beschäftigt, weil er wieder einen verliebten Roman spielte und alle seine Aufmerksamkeit darauf wandte, wie er seinem Mädchen gefallen wollte. – Anton Reisers Schicksal war ihm daher etwas weniger wichtig, als es ihm zu einer andern Zeit würde gewesen sein. –

Ohngeachtet Anton Reiser vielleicht in wenigen Tagen Hannover auf immer zu verlassen im Begriff war, so unterhielt ihn sein Freund dennoch mit dem ganzen Detail seiner Liebschaft, als wenn jener den Erfolg von dem allen hätte abwarten können. – Dies ärgerte ihn denn zuweilen wohl – aber Philipp Reiser war doch einmal sein nächster Vertrauter – und er hatte niemanden außer ihm, dem er sich hätte entdecken mögen. –

Weil er doch aber nun, um sein Glück in der weiten Welt zu suchen, sich irgendeinen Ort in der weiten Welt zum Ziel seiner Wanderung machen mußte, so wählte er Weimar hierzu, wo sich damals die Seilersche Truppe, über welche Ekhof die Direktion führte, aufhalten sollte. – Hier wollte er seinen Entschluß, sich dem Theater zu widmen, ins Werk zu richten suchen. –

Während nun, daß er mit diesem Gedanken umging, erlitt er noch eine Demütigung, die ihn vollends in seinem Entschluß bestärkte. –

Er ging nämlich eines Nachmittags mit einer Anzahl seiner Mitschüler, die von der dramatischen Gesellschaft waren, in einem öffentlichen Garten vor der Stadt spazieren. – Nun mochten ihm wohl die Gedanken, womit er umging, ein sonderbares zerstreutes Aussehen geben, wodurch er sich vor seiner Gesellschaft eben nicht zu seinem Vorteil auszeichnete – und seine Mitschüler fielen, ehe er sichs versahe, auf einmal wieder mit einem solchen Spott über ihn her, daß es ihm auch nicht möglich war, gegen alles, was sie sagten, nur ein Wort vorzubringen. – Da nun ihr Witz freien Spielraum fand, so war des Witzelns kein Ende – und da nun überdem ein paar Offiziere in der Nähe standen, die dem Gespräch zuhörten, so konnte Reiser nicht länger ausdauern – er schlich sich vom Tische weg, bezahlte dem Wirt, was er für seinen Teil schuldig war – und eilte, so schnell er konnte, fort – und so bald er nun allein war, brach er aufs neue in laute Verwünschungen über sich und sein Schicksal aus. – Er spottete über sich selbst, weil er sich zum Spott und zur Verachtung geboren glaubte. –

Woher kam es denn auch, daß er zum Spott der Welt gleichsam an der Stirne gebrandmarkt war? – was haftete denn für ein Mal des Lächerlichen an ihm, das durch nichts konnte ausgelöscht werden? – das ihn jetzt, da er doch von seinen Mitschülern geachtet war, aufs neue wieder in einer bösen Stunde ihrem Gelächter preisgab? –

Es war die unverantwortliche Seelenlähmung durch das zurücksetzende Betragen seiner eignen Eltern gegen ihn, die er von seiner Kindheit an noch nicht hatte wieder vermindern können. – Es war ihm unmöglich geworden, jemanden außer sich wie seinesgleichen zu betrachten – jeder schien ihm auf irgendeine Art wichtiger, bedeutender in der Welt als er zu sein – daher deuchten ihm Freundschaftsbezeigungen von andern gegen ihn immer eine Art von Herablassung – weil er nun glaubte, verachtet werden zu können, so wurde er wirklich verachtet – und ihm schien oft das schon Verachtung, was ein anderer mit mehr Selbstgefühl nie würde dafür genommen haben. – Und so scheint nun einmal das Verhältnis der Geisteskräfte gegeneinander zu sein; wo eine Kraft keine entgegengesetzte Kraft vor sich findet, da reißt sie ein und zerstört wie der Fluß, enn der Damm vor ihm weicht. – Das stärkere Selbstgefühl verschlingt das schwächere unaufhaltsam in sich – durch den Spott, durch die Verachtung, durch die Brandmarkung des Gegenstandes zum Lächerlichen. – Das Lächerlichwerden ist eine Art von Vernichtung und das Lächerlichmachen eine Art von Mord des Selbstgefühls, die nicht ihresgleichen hat. – Von allen außer sich gehaßt zu werden ist dagegen wünschens- und begehrenswert. – Dieser allgemeine Haß würde das Selbstgefühl nicht töten, sondern es mit einem Trotz beseelen, wovon es auf Jahrtausende leben und gegen diese hassende Welt Wut knirschen könnte. – Aber keinen Freund und nicht einmal einen Feind zu haben – das ist die wahre Hölle, die alle Qualen der fühlbaren Vernichtung eines denkenden Wesens in sich faßt. – Und diese Höllenqual war es, welche Reiser empfand, sooft er sich aus Mangel an Selbstgefühl für einen würdigen Gegenstand des Spottes und der Verachtung hielt – seine einzige Wonne war dann, wenn er für sich allein war, in lautes Hohngelächter über sich selber auszubrechen und das nun selber gleichsam an sich zu vollenden, was die Wesen außer ihm angefangen hatten. –

     ›Wenn diese Wesen mich verspotten und zerstören,
     ›Die stärker und vollkommner sind als ich,
     ›Warum soll ich des Mitleids Stimme hören
     ›Und weinen schändlich über mich? –‹

Da er nun also dem hohnlachenden Zirkel seiner Mitschüler entflohen war – so schweifte er in der einsamen Gegend umher und entfernte sich immer weiter von der Stadt, ohne ein Ziel zu haben, wohin er seine Schritte richtete. – Er ging immer querfeldein, bis es dunkel wurde – da kam er an einen breiten Weg, der zu einem Dorfe führte, das er vor sich liegen sahe – der Himmel fing an, sich immer düstrer zu umziehn, und drohte Regenwetter – die Raben fingen an zu krächzen, und zwei, die immer über seinem Kopfe hinflogen, schienen ihm das Geleite zu geben – bis er an den kleinen engen Kirchhof des Dörfchens kam, welcher gleich vornean lag und mit unordentlich übereinandergelegten Steinen eingefaßt war, die eine Art von Mauer vorstellen sollten. – Die Kirche mit dem kleinen spitzen Turme, der mit Schindeln gedeckt war, in der dicken Mauer nach jeder Seite zu nur ein einziges Fensterchen, durch welches das Licht schräg hereinfallen konnte – die Türe wie halb in die Erde versunken und so niedrig, daß es schien, man könne nicht anders als gebückt hineingehen. – Und ebenso klein und unansehnlich, wie die Kirche war, so enge und klein war auch der Kirchhof, wo die aufsteigenden Grabhügel dicht aneinander gedrängt und mit hohen Nesseln bewachsen waren. – Der Horizont war schon verdunkelt; der Himmel schien in der trüben Dämmerung allenthalben dicht aufzuliegen, das Gesicht wurde auf den kleinen Fleck Erde, den man um sich her sahe, begrenzt – das Winzige und Kleine des Dorfes, des Kirchhofes und der Kirche tat auf Reisern eine sonderbare Wirkung – das Ende aller Dinge schien ihm in solch eine Spitze hinauszulaufen – der enge dumpfe Sarg war das letzte – hierhinter war nun nichts weiter – hier war die zugenagelte Bretterwand – die jedem Sterblichen den fernern Blick versagt. – Das Bild erfüllte Reisern mit Ekel – der Gedanke an dies Auslaufen in einer solchen Spitze, dies Aufhören ins Enge und noch Engere und immer Engere – wohinter nun nichts weiter mehr lag – trieb ihn mit schrecklicher Gewalt von dem winzigen Kirchhofe weg und jagte ihn vor sich her in der dunklen Nacht, als ob er dem Sarge, der ihn einzuschließen drohte, hätte entfliehen wollen. – Das Dorf mit dem Kirchhofe war ihm ein Anblick des Schreckens, solange er es noch hinter sich sahe – auf dem Kirchhofe war ihm ein sonderbarer Schrecken angewandelt – was er so oft gewünscht hatte, schien ihm gewährt zu werden, das Grab schien seine Beute zu fordern und noch stets, sowie er flohe, hinter ihm seinen Schlund zu eröffnen – erst da er ein andres Dorf erreichte, war er wieder ruhiger. –

Was ihm aber auf dem Kirchhofe den Gedanken des Todes so schrecklich machte, war die Vorstellung des Kleinen, die, sowie sie herrschend wurde, in seiner Seele eine fürchterliche Leere hervorbrachte, welche ihm zuletzt unerträglich war. – Das Kleine nahet sich dem Hinschwinden, der Vernichtung – die Idee des Kleinen ist es, welche Leiden, Leerheit und Traurigkeit hervorbringt – das Grab ist das enge Haus, der Sarg ist eine Wohnung, still, kühl und klein – Kleinheit erweckt Leerheit, Leerheit erweckt Traurigkeit – Traurigkeit ist der Vernichtung Anfang – unendliche Leere ist Vernichtung. – Reiser empfand auf dem kleinen Kirchhofe die Schrecken der Vernichtung – der Übergang vom Dasein zum Nichtsein stellte sich ihm so anschaulich und mit solcher Stärke und Gewißheit dar, daß seine ganze Existenz nur noch wie an einem Faden hing, der jeden Augenblick zu zerreißen drohte. –

Nun war also auf einmal aller Lebensüberdruß bei ihm verschwunden – er suchte in seiner Seele wieder eine gewisse Ideenfülle hervorzubringen, um sich gleichsam nur vor der gänzlichen Vernichtung zu retten – und da er von ohngefähr auf die Heerstraße nach Erichshagen geriet, wo seine Eltern wohnten, und ihm nun auf einmal diese ganze Gegend bekannt war – so nahm er sich erst vor, die ganze Nacht durch zu gehen und seine Eltern noch einmal mit einem unvermuteten Besuch zu überraschen. – Eine Meile war er schon von Hannover und hatte also ohngefähr noch fünf Meilen zurückzulegen. –

Allein der Gedanke, daß er seinen Eltern nichts von seinem Entschluß hätte entdecken dürfen und doch mit schwerem Herzen von ihnen hätte Abschied nehmen müssen, verleidete ihm diesen Vorsatz wieder, da es überdem gegen Mitternacht stark zu regnen anfing. – Er ging also aufs neue mitten im Regen und Dunkel durch das hohe Korn querfeldein nach der Stadt zu – es war eine warme Sommernacht, und der Regen und die Dunkelheit waren ihm bei dieser menschenfeindlichen nächtlichen Wanderung die angenehmsten Gesellschafter – er fühlte sich groß und frei in der ihn umgebenden Natur – nichts drückte ihn, nichts engte ihn ein – er war hier auf jedem Fleck zu Hause, wo er sich niederlegen wollte, und dem Anblick keines Sterblichen ausgesetzt. – Er fand zuletzt eine ordentliche Wonne darin, durch das hohe Korn hinzugehen ohne Weg und Steg – durch nichts, nicht einmal durch ein eigentliches Ziel gebunden, nach welchem er seine Schritte hätte richten müssen. Er fühlte sich in dieser Stille der Mitternacht frei wie das Wild in der Wüste – die weite Erde war sein Bette – die ganze Natur sein Gebiet. –

So wanderte er die ganze Nacht hindurch, bis der Tag anbrach – und als er die Gegenstände allmählich wieder unterscheiden konnte, so deuchte es ihm nach der Gegend, als ob er ohngefähr noch eine halbe Meile von Hannover wäre – auf einmal aber befand er sich, ehe er sichs versahe, dicht an einer großen Kirchhofsmauer, die er sonst nie in dieser Gegend bemerkt hatte – er nahm alle seine Nachdenken zusammen und suchte sich zu orientieren, aber es war vergeblich – er konnte die lange Kirchhofsmauer aus dem Zusammenhange der übrigen Gegenstände nicht erklären; sie war und blieb ihm eine Erscheinung, welche ihn eine Zeitlang wirklich zweifeln ließ, ob er wache oder träume – er rieb sich die Augen – aber die lange Kirchhofsmauer blieb immer da – überdem war auch durch sein sonderbares Nachtwandern und durch das Wegfallen der gewohnten Pause, wodurch die Vorstellungen des Tages der Natur gemäß unterbrochen werden, seine Phantasie zerrüttet – er fing selbst an, für seinen Verstand zu fürchten, und war vielleicht wirklich dem Wahnwitz nahe, als er endlich die vier Türme von Hannover wieder durch den Nebel sahe und nun wußte, wo er war. – Die Morgendämmerung hatte ihn getäuscht, daß er die Gegend für eine andre hielt, die noch eine halbe Meile von Hannover lag und mit dieser, die dicht vor der Stadt war, sehr viel Ähnlichkeit hatte. – Der große Kirchhof, in dessen Mitte eine kleine Kapelle stand, war der ordentliche Kirchhof dicht vor Hannover, und Reisern war nun auf einmal die ganze Gegend wieder bekannt – er erwachte wirklich wie aus einem Traume. –

Aber wenn irgend etwas fähig ist, jemanden dem Wahnwitz nahe zu bringen, so sind es wohl vorzüglich die verrückten Orts- und Zeitideen, woran sich alle unsre übrigen Begriffe festhalten müssen. – Dieser neue Tag war für Reisern wie kein neuer Tag, weil zwischen diesem und dem vorhergehenden Tage keine Unterbrechung der Wirkungen seiner vorstellenden Kraft stattgefunden hatte. – Er ging in die Stadt; es war noch frühmorgens, und auf den Straßen herrschte eine Totenstille. – Das Haus, die Stube, worin er wohnte, alles kam ihm anders, fremd und sonderbar vor. – Diese Nachtwanderung hatte eine Veränderung in seinem ganzen Gedankensystem hervorgebracht – er fühlte sich in seiner Wohnung von nun an nicht mehr zu Hause – die Ortsideen schwankten in seinem Kopfe hin und her – er war den ganzen Tag über wie ein Träumender – bei dem allen aber war ihm die Erinnerung an die Nachtwanderung angenehm. – Das Krächzen der beiden Raben, die über seinem Kopfe hinflogen, der kleine Dorfkirchhof, die durchwanderten Kornfelder, alles drängte sich nun in seiner Einbildungskraft zusammen und machte zusammen eine dunkle Gruppe, ein schönes Nachtstück aus, woran sich seine Phantasie noch oft nachher in einsamen Stunden ergötzt hat. –

Allein sein Aufenthalt in Hannover wurde ihm von nun an womöglich noch verhaßter – und der Wandergeist hatte sich seiner nun ganz bemächtigt – dies war aber auch der Fall bei mehrern von den jungen Leuten, welche mit Komödie gespielt hatten. – Einer namens Timäus, der vorher ein äußerst stiller, fleißiger und ordentlicher Mensch war, entdeckte Reisern im Vertrauen seine Unzufriedenheit mit seinem künftigen Stande eines Theologen, wozu er bestimmt war, und unterredete sich mit ihm über die Glückseligkeit, welche der Schauspielerstand gewährte, wobei er gegen die Vorurteile deklamierte, die diesen ehrenvollen Stand noch immer unverdienterweise herabsetzten. –

Dies Gespräch hielten beide auf einem Spaziergange nach einem kleinen Dorfe vor Hannover; und sie hatten sich so in ihrer Unterredung vertieft, daß sie von der Nacht überfallen und in dem Dorfe zu bleiben genötigt wurden. – Dies ungewöhnliche Übernachten an einem fremden Orte setzte beiden noch mehr romanhafte Ideen in den Kopf – es deuchte ihnen schon, als ob sie auf Abenteuer ausgingen und Glück und Unglück miteinander teilten. – Der kühne Vorsatz dieser beiden Abenteurer, sich über alle Vorurteile der Welt hinwegzusetzen und ihrer Neigung oder ihrem Beruf, wie sie es nannten, zu folgen, blieb denn auch nicht unausgeführt. – Reiser machte den Anfang, und Timäus folgte ihm bald, wurde aber noch glücklich wieder zurückgebracht. –

Reiser machte indes, ehe er seinen Vorsatz ausführte, noch eine nächtliche Wanderung mit Iffland, der ihn des Abends um eilf Uhr mit noch einem von der dramatischen Gesellschaft besuchte und ihn zu einem Spaziergange nach dem Deister, einem Berge, der drei Meilen von Hannover entfernt ist, einlud. – Reiser, dem dergleichen nächtliche Wanderungen nun schon anfingen eine gewohnte Sache zu werden, war sogleich entschlossen – es war eine warme mondhelle Sommernacht. – Die Unterhaltung unterwegens war ganz poetisch, zuweilen etwas affektiert und dann wieder wahr, nachdem es fiel. – Wo sie durch ein Dorf kamen, duftete ihnen der frische Heugeruch entgegen. – Und diese Nachtwanderung war wirklich eine der angenehmsten, die man sich nur denken kann, so daß sie recht vom Zufall veranstaltet zu sein schien, um Reisers Phantasie noch mehr zu erhitzen und seiner einmal angefachten Lust zum Wandern das völlige Übergewicht über die Vernunft zu geben. –

Die drei Abenteurer erreichten noch vor Tagesanbruch ein Dorf, das dicht am Fuß des Berges lag, wo sie einkehrten und noch einige Stunden schliefen. – Da sie aber am andern Morgen früh aufstanden, so waren alle die schönen Bilderchen aus der Zauberlaterne verschwunden; die kahle Wirklichkeit mit allen ihren unvermeidlichen Unannehmlichkeiten stand wieder vor ihrer Seele da – sie saßen über eine Stunde einander gegenüber und jähnten sich an. – Wenn irgendetwas Reisern von seiner Phantasie noch hätte heilen können, so wäre es dieser Morgen nach solch einer Nacht gewesen – es war ihnen nun leid geworden, den Berg zu besteigen, sie fühlten sich müde und matt und nahmen den nächsten Weg wieder nach der Stadt zurück, der ihnen wegen der brennenden Sonnenhitze ziemlich beschwerlich wurde – allein sie fingen unterwegs an, Reime zu extemporieren, womit sie sich die Einförmigkeit des Gehens einigermaßen erleichterten. –

Reiser blieb demohngeachtet völlig entschlossen zu wandern, möchte auch sein Schicksal sein, was da wollte – er zog alles, was ihm begegnen konnte, dennoch der traurigen Einförmigkeit und dem nicht halb und nicht ganz glücklich sein in Hannover vor. –

Alle seine Gedanken gingen nun einmal ins Weite. – Er sahe überdem kein Mittel vor sich, seine Schulden zu tilgen, ohne sie dem Pastor Marquard aufs neue zu entdecken, dessen Achtung und Freundschaft er dann völlig zu verlieren gewärtigen mußte. – Auch die verschiedenen Demütigungen, die er seit kurzem wieder hatte ertragen müssen, waren ihm noch im frischen Andenken und machten ihm den Aufenthalt in Hannover sowohl als die Gegenden umher verhaßt. –

Er wußte seinem einzigen Vertrauten, Philipp Reisern, seine Lage auch so mißlich vorzustellen, daß dieser endlich selbst seinen Entschluß, Hannover zu verlassen, billigte und ihm die Reiseroute nach Erfurt, so wie er den Weg selbst von dorther bis Hannover zu Fuße gemacht hatte, vorschrieb. – Von da wollte denn Anton Reiser nach Weimar gehen, um bei der Seilerschen oder vielmehr Ekhofischen Schauspielergesellschaft als Mitglied angenommen zu werden – und von da aus wollte er denn, wenn ihm dies gelänge, seine Schulden in Hannover bezahlen und seinen guten Ruf wieder herzustellen suchen, indem er dort gleichsam wieder aufstände, nachdem er hier bürgerlich gestorben wäre. – Dies letzte war ihm insbesondre eine der angenehmsten Vorstellungen, womit er sich trug. –

Er brachte nun Philipp Reisern seine wenigen Bücher und Papiere und gab sie ihm in Verwahrung – seine Kleider hatte er zum Teil versetzt, um die Kosten zur Komödie zu bestreiten – und seine übrigen wenigen Sachen ließ er seinem Wirt zur Schadloshaltung für die Miete. – Diesem sagte er, daß sein Vater sehr krank geworden sei und daß er, um diesen zu besuchen, auf eine Woche verreisen würde, wenn etwa jemand nach ihm fragen sollte. –

Und nun war er so weit in Richtigkeit bis auf die Barschaft, womit er eine Reise von mehr als vierzig Meilen antreten sollte. – Diese bestand denn, nach allem, was er hatte auftreiben können, aus einem einzigen Dukaten, womit er Mut genug hatte, sich auf den Weg zu machen, ohngeachtet Philipp Reiser ihm die Unbesonnenheit dieses Unternehmens genug vorstellte. – Aber mit Gelde konnte ihn dieser aus dem sehr wichtigen Grunde nicht unterstützen, weil es ihm selbst gemeiniglich und gerade jetzt gänzlich daran fehlte. –

Anton Reiser konnte also nun im eigentlichen Verstande von sich sagen, daß er alle das Seinige mit sich trug. – Das gute Kleid, worin er die Rede auf der Königin Geburtstag gehalten hatte, nebst einem Überrock war seine ganze Garderobe – dabei trug er einen vergoldeten Galanteriedegen an der Seite und Schuh und seidene Strümpfe. – Ein reines Oberhemde nebst noch ein paar seidenen Strümpfen, Homers Odyssee in Duodez mit der lateinischen Version und der lateinische Anschlagbogen von der Redeübung an der Königin Geburtstage, worauf sein Name gedruckt stand, war alles, was er in der Tasche bei sich trug. –

Es war in der Mitte des Winters, an einem Sonntagmorgen, den er noch bei Philipp Reisern zubrachte, wo er sich völlig reisefertig machte, um den Nachmittag seine Wanderschaft anzutreten und, weil die Tage schon lang waren, noch drei Meilen bis zu der nächsten Stadt auf seiner Tour zurückzulegen. –

Es war heitrer Sonnenschein – die Leute gingen in ihrem Sonntagsschmuck auf der Straße und zum Teil vor das Tor spazieren, um am Abend in ihre Häuser wieder zurückzukehren, und Reiser sollte nun an diesem Tage auf immer aus Hannover scheiden – dies machte ihm eine sonderbare Empfindung, die weder Schmerz noch Wehmut, sondern mehr eine Art von Betäubung war. – Der Abschied aus Hannover preßte ihm keine Träne aus, sondern er war dabei fast so kalt und unbewegt, als ob er durch eine fremde Stadt gereist wäre, der er nun wieder den Rücken zukehren mußte, um weiterzugehen. – Selbst der Abschied von Philipp Reisern war mehr kalt als zärtlich. – Philipp Reiser machte sich viel mit einer neuen Kokarde an seinem Hute zu schaffen und unterhielt dabei seinen scheidenden Freund noch in der letzten Stunde, die sie zusammen zubrachten, von seinem verliebten Romane, den er damals gerade spielte, gleichsam, als wenn Anton Reiser den Verfolg davon hätte abwarten können. – Kurz, die ganze Unterhaltung war so, als ob sie am andern Tage wieder zusammenkommen und alles denn nach der alten Weise fortgehen würde. – Was aber Anton Reisern am meisten ärgerte, war das Putzen der Hutkokarde, womit sich sein einziger Freund in der letzten Abschiedsstunde noch so eifrig beschäftigen konnte. – Diese Hutkokarde schwebte ihm noch lange nachher vor Augen und machte ihm allemal eine verdrießliche Rückerinnerung, sooft er daran dachte. – Auch wurde ihm der Abschied aus Hannover von seinem einzigen Freunde durch dies Putzen der Hutkokarde sehr erleichtert. – Philipp Reiser meinte es aber demohngeachtet gut mit ihm, nur hatte diesmal seine kleine Eitelkeit und seine verliebten Schwärmereien über die freundschaftliche Teilnehmung die Oberhand behalten, und seine Hutkokarde, worin er vielleicht seiner Schönen gefallen wollte, war ihm auch ein sehr wichtiger Gegenstand geworden, wofür nun Anton Reiser freilich keinen Sinn hatte. –

›So kalt, so starr an der ehernen Pforte des Todes anzuklopfen.‹

Diese Worte aus Werthers Leiden hatten Anton Reisern diesen ganzen Morgen im Sinne gelegen, und da ihm Philipp Reiser den großen Torweg öffnen wollte, durch den nun doch der eigentliche Trennungspunkt bewirkt wurde, weil Philipp Reiser, um nicht Verdacht zu erwecken, als ob derselbe um seine Abreise wüßte, ihn mit Fleiß nicht begleiten sollte, so blieb er noch eine Weile inwendig stehen, sahe Philipp Reisern starr an, und in dem Augenblick war es ihm, als klopfte er so kalt und starr an der ehernen Pforte des Todes an. – Er gab Philipp Reisern, der ihm kein Wort sagen konnte, die Hand, zog darauf den Torweg hinter sich zu und eilte, um die nächste Ecke zu kommen, damit sein nun von ihm geschiedener Freund ihm nicht etwa nachsehen möchte. –

Darauf ging er schnell über den Wall nach dem Ägidien-Tore zu und sahe noch einmal seitwärts nach seiner ehemaligen Wohnung im Hause des Rektors, die er vom Walle aus bemerken konnte. – Es war des Nachmittags um zwei Uhr, und man läutete zur Kirche – er verdoppelte seine Schritte, je näher er dem Tore kam. – Es war ihm, als ob das Grab noch einmal hinter ihm seinen Schlund eröffnete. – Da er aber nun die Stadt mit ihren grünbepflanzten Wällen im Rücken hatte und die Häuser, wie er zurückblickte, sich immer dichter zusammendrängten, so wurde ihm leichter und immer leichter, bis endlich die vier Türme, welche den bisherigen Schauplatz aller seiner Kränkungen und Bekümmernisse bezeichneten, ihm aus dem Gesichte schwanden. –


Letzte Änderung der Seite: 06. 03. 2021 - 00:03

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