Anton Reiser. Ein psychologischer Roman.

von Karl Philipp Moritz

Zweiter Teil

Hätte Reiser irgend jemanden gehabt, der an seinem Schicksal wahren Anteil genommen hätte, so würden ihm dergleichen Begegnungen vielleicht nicht so kränkend gewesen sein. Aber so war sein Schicksal an die eigentliche Teilnehmung anderer Menschen nur mit so schwachen Fäden geknüpft, daß die anscheinende Ablösung irgendeines solchen Fadens ihn plötzlich das Zerreißen aller übrigen befürchten ließ und er sich dann in einem Zustand sahe, wo er keines Menschen Aufmerksamkeit auf sich mehr erregte, sondern sich für ein Wesen hielt, auf das weiter gar keine Rücksicht genommen wurde. – Die Scham ist ein so heftiger Affekt wie irgendeiner, und es ist zu verwundern, daß die Folgen desselben nicht zuweilen tödlich sind.

Die Furcht, in einem lächerlichen Lichte zu erscheinen, war bei Reisern zuweilen so entsetzlich, daß er alles, selbst sein Leben, würde aufgeopfert haben, um dies zu vermeiden. – Niemand hat das

Infelix paupertas, quia ridiculos miseros facit,
Traurig ist das Los der Armut, weil sie die Unglücklichen lächerlich macht,

wohl stärker empfunden als er, dem lächerlich zu werden das größte Unglück auf der Welt dünkte. – Es gibt eine Art des Lächerlichen, welche ihm noch am erträglichsten war – wenn nämlich Leute bloß der Sonderbarkeit wegen über etwas lachen, das sie sich selbst nicht nachzutun getrauen, ohne es deswegen in einem verächtlichen Lichte zu betrachten.

Wenn er z. B. etwa von sich sagen hörte: Der Reiser ist doch ein sonderbarer Mensch, er geht des Abends ganz im Finstern dreimal um den Wall und spricht mit niemand als mit sich selbst, indem er sich die Lektion des Tages wiederholt, usw. – so war ihm das gar nicht unangenehm zu hören, es hatte vielmehr etwas Schmeichelhaftes für ihn, auf die Weise in einem gewissen sonderbaren Lichte zu erscheinen. – Aber als Iffland seinen Vers:

An euch, ihr schönen Wissenschaften,
An euch soll meine Seele haften,

lächerlich machte, das war für ihn sehr kränkend und beschämend, und er hätte viel darum gegeben, daß er diesen Vers nicht gemacht hätte.

Nachdem Reiser ein Vierteljahr lang die Singstunden des Kantors besucht hatte, erreichte er nun auch das so sehnlich gewünschte Glück, ins Chor zu gehen, wo er die Altstimme sang. –

Die Freude über seinen neuen Stand eines Chorschülers dauerte einige Wochen, solange es nämlich gut Wetter blieb. Er fand ein gar großes Vergnügen an den Arien und Motetten, die er singen hörte, und an den freundschaftlichen Unterredungen mit seinen Mitschülern, während daß sie von einem Hause und einer Straße zur andern gingen.

Ein solches Chor hat viel Ähnliches mit einer herumwandernden Truppe Schauspieler, in der man auch Freude und Leid, gutes und schlechtes Wetter usw. auf gewisse Weise miteinander teilt, welches immer ein festeres Aneinanderschließen zu bewirken pflegt.

Am meisten hatte sich Reiser auf den blauen Mantel gefreut, der ins künftige seine Zierde sein würde. – Denn dieser Mantel näherte sich doch schon etwas der priesterlichen Kleidung. – Aber auch diese Hoffnung täuschte ihn sehr; denn die Frau Filter ließ, um für ihn zu sparen, aus ein paar alten blauen Schürzen einen Mantel für ihn zusammennähen, womit er unter den übrigen Chorschülern eben keine glänzende Figur machte.

Nun bemerkte Reiser gleich am ersten Tage unter den Chorschülern einen, der sich von den übrigen ganz besonders auszeichnete. – Man sahe es ihm gleich an, daß er ein Ausländer war, wenn man es auch nicht an seiner Sprache gehört hätte. Denn alle seine Mienen und Bewegungen zeigten mehr Lebhaftigkeit und Gewandtheit als das Äußere der steifen und schwerfälligen Hannoveraner. – Reiser konnte sich immer nicht satt an ihm sehen; und da er ihn nun reden hörte, so konnte er sich nicht enthalten, seine wohlgesetzten Ausdrücke in dem obersächsischen Dialekt zu bewundern; alles, was die Hannoveraner sagten, kam ihm dagegen plump und abgeschmackt vor. – Nun war der Präfektus im Chore ein alter versoffener Kerl, mit dem sich dieser Ausländer immer am meisten herumzankte und ihm gemeiniglich sehr treffende und beißende Antworten zu geben pflegte, wenn der Präfektus sich eine Art von Oberherrschaft über ihn anmaßen wollte. Und als dieser unter andern einmal zu ihm sagte, er sei schon zu lange Präfektus, als daß er sich von so einem Gelbschnabel dürfe Anzüglichkeiten sagen lassen, so antwortete der Ausländer, es bringe ihm freilich eben nicht viel Ehre, daß er so ein alter Knabe und noch immer Präfektus sei. – Diese Überlegenheit des Witzes, womit der Ausländer den Präfektus auf einmal niederschlug, machte Reisern noch aufmerksamer auf ihn, und da er sich nach dem Namen desselben erkundigte, erfuhr er, daß er Reiser hieße und aus Erfurt gebürtig sei.

Nun war es Reisern sehr auffallend, daß dieser junge Mensch, den er schon so liebgewonnen hatte, gerade mit ihm einerlei Namen führte, ohngeachtet er wegen der Entfernung des Geburtsortes schwerlich mit ihm verwandt sein konnte. – Er hätte gern gleich mit ihm Bekanntschaft gemacht, aber er wagte es noch nicht, weil sein Namensgenosse ein Primaner und er nur ein Sekundaner war. – Auch fürchtete er sich vor dem Witze desselben, dem er sich nicht gewachsen fühlte, wenn er einmal auf ihn sollte gerichtet werden. Indes fügte sich ihre Bekanntschaft von selber, indem Philipp Reiser auf Anton Reisers stilles und in sich gekehrtes Wesen ebenso wie dieser auf das lebhafte Wesen von jenem immer aufmerksamer wurde und sie sich ohngeachtet dieser Verschiedenheit ihrer Charaktere bald unter der Menge herausfanden und Freunde wurden.

Dieser Philipp Reiser war gewiß ein vortrefflicher Kopf, der aber auch durch die Umstände, worin ihn das Schicksal versetzt hat, unterdrückt worden ist. – Nebst einer feinen Empfindung besaß er viel Witz und Laune, wirkliches musikalisches Talent und war zugleich ein vorzüglicher mechanischer Kopf – aber er war arm und dabei im höchsten Grade stolz – ehe er Wohltaten angenommen hätte, würde er Hunger gelitten haben, welches er auch wirklich öfters tat. – Hatte er aber Geld, so war er freigebig und gastfrei wie ein König, – dann schmeckte ihm wohl, was er genoß, wenn er reichlich davon mitteilen konnte – aber er hatte freilich Einnahme und Ausgabe nicht allzu gut berechnen gelernt und hatte daher sehr oft Gelegenheit, sich in der großen Kunst des freiwilligen Entbehrens von dem, was man sonst gern hätte, zu üben. – Ohne jemals Anweisung dazu gehabt zu haben, verfertigte er sehr gute Klaviere und Fortepianos, welches ihm zuweilen ansehnliche Einnahmen verschaffte, die ihm aber freilich bei seiner gar zu großen Freigebigkeit nicht viel halfen. – Dabei hatte er den Kopf beständig voll romanhafter Ideen und war immer in irgendein Frauenzimmer sterblich verliebt; wenn er auf diesen Punkt kam, so war es immer, als hörte man einen Liebhaber aus den Ritterzeiten. – Seine Treue in der Freundschaft, seine Begierde, den Notleidenden zu helfen, und selbst seine Gastfreiheit kam auf diesen Schlag heraus und gründete sich zum Teil auf die romanhaften Begriffe, womit seine Phantasie genährt war, obgleich sein gutes Herz der eigentliche Grund davon war – denn nur auf dem Boden eines guten Herzens können dergleichen Auswüchse von romanhaften Tugenden emporkeimen und Wurzel fassen. In einer eigennützigen Seele und zusammengeschrumpften Herzen wird die häufigste Romanenlektüre nie dergleichen Wirkungen hervorbringen. – Man siehet nun leicht ein, warum Philipp und Anton Reiser sich auf halbem Wege begegneten und bei dem nähern Umgange füreinander gemacht zu sein schienen. Der erstere war beinahe zwanzig Jahre alt, da Reiser ihn kennen lernte; die Jahre, die er vor ihm voraus hatte, machten ihn also gewissermaßen zu seinem Führer und Ratgeber, nur schade, daß in dem Hauptpunkte, was die Ordnung des Lebens betraf, Reiser keinen bessern Führer und Ratgeber fand. – Indes hatte er doch nun den ersten eigentlichen Freund seiner Jugend gefunden, dessen Umgang und Gespräche ihm die Stunden, die er im Chore zubringen mußte, noch einigermaßen erträglich machten.

Denn nun war das schöne Wetter vorbei, und es stellten sich Regen, Schnee und Kälte ein – demohngeachtet mußte das Chor seine gewissen Stunden auf der Straße singen. – O, wie zählte Reiser jetzt, da er vom Frost erstarret war, die Minuten, ehe das lästige Singen vorbei war, das ihm sonst eine himmlische Musik in seinen Ohren dünkte.

Den ganzen Mittwoch- und Sonnabendnachmittag und den ganzen Sonntag nahm nun allein das Chorsingen weg – denn alle Sonntagmorgen mußten die Chorschüler in der Kirche sein, um vom Chore herunter das Amen zu singen. – Auch des Sonnabendnachmittags bei der Vorbereitung zum Abendmahle mußten die jüngern Chorschüler mit dem Kantor ein Lied singen und einer von ihnen einen Psalm oben von dem hohen Chore herunter lesen, welches nun für Reisern wieder ein großer Fund war – durch eine solche öffentliche und laute Vorlesung eines Psalms hielt er sich wieder für alle Beschwerlichkeiten des Chorsingens belohnt. – Er dünkte sich nun schon wie der Pastor Paulmann in Braunschweig dazustehen und mit erschütternder Stimme zu dem versammleten Volke zu reden.

Übrigens aber wurde das Chorsingen für ihn bald die unangenehmste Sache von der Welt. Es raubte ihm alle Erholungsstunden, die ihm noch übrig waren, und machte, daß er nun keinem einzigen ruhigen Tage in der Woche entgegensehen konnte. Wie verschwanden die goldnen Träume, die er sich davon gemacht hatte! – Und wie gern hätte er sich nun aus dieser Sklaverei wieder losgekauft, wenn es noch möglich gewesen wäre. – Aber nun war das Chorgeld einmal zu seinen gewöhnlichen Einkünften mit gerechnet, und er durfte gar nicht einmal daran denken, je wieder davon loszukommen.

Den Gefährten seiner Sklaverei ging es größtenteils nicht besser wie ihm, sie waren dieses Lebens ebenso überdrüssig. – Und das Leben eines Chorschülers, der sich sein Brot vor den Türen ersingen muß, ist auch wirklich ein sehr trauriges Leben. Wenn einer den Mut nicht ganz dabei verliert, so ist das gewiß ein seltner Fall. Die meisten werden am Ende niederträchtig gesinnet und verlieren, wenn sie es einmal geworden sind, nie ganz die Spur davon.

Einen sonderbaren Eindruck auf Reisern machte das sogenannte Neujahrsingen, welches drei Tage nacheinander dauert und wegen der sehr abwechselnden Szenen, die dabei vorfallen, mit einem Zuge auf Abenteuer sehr viel Ähnliches hat. – Ein Häufchen Chorschüler steht in Schnee und Kälte dicht aneinander gedrängt auf der Straße, bis ein Bote, der von Zeit zu Zeit abgeschickt wird, die Nachricht bringt, daß in irgendeinem Hause soll gesungen werden. – Dann geht man in das Haus hinein und wird gemeiniglich in die Stube genötigt, wo denn erst eine Arie oder Motette, die sich auf die Zeit paßt, gesungen wird. – Alsdann pflegt mancher Hauswirt so höflich zu sein und die Chorschüler mit Wein oder Kaffee und Kuchen zu bewirten. Diese Aufnahme in einer warmen Stube, nachdem man oft lange in der Kälte gestanden hatte, und die Erfrischungen, die einem gereicht wurden, waren eine solche Erquickung, und die Mannigfaltigkeit der Gegenstände, indem man an einem Tage wohl zwanzig und mehr verschiedene häusliche Einrichtungen und Familien in ihren Wohnzimmern versammlet sahe, machte einen so angenehmen Eindruck auf die Seele, daß man diese drei Tage über in einer Art von Entzückung und beständigen Erwartung neuer Szenen schwebte und sich die Beschwerden der Witterung gern gefallen ließ. – Das Singen dauerte bis fast in die Nacht, und die Erleuchtung des Abends machte dann die Szene noch feierlicher. – Unter andern wurde auch in einem Hospital für alte Frauen zum Neujahr gesungen, wo sich die Chorschüler mit den alten Müttern in einen Kreis zusammensetzen und mit gefalteten Händen singen mußten: ›Bis hieher hat mich Gott gebracht‹ usw. – Bei diesem Neujahrsingen schien alles freundschaftlicher gegeneinander zu sein. Man sahe nicht so sehr auf die Rangordnung, die Primaner sprachen mit den Sekundanern, und eine ungewöhnliche Heiterkeit verbreitete sich über die Gemüter.

An diesem Neujahr überfiel auch Reisern eine erstaunliche Wut, Verse zu machen. – Er schrieb Neujahrwünsche in Versen an seine Eltern, seinen Bruder, die Frau Filter und wer weiß an wen und sprach darin von Silberbächen, die sich durch Blumen schlängeln, und von sanften Zephirs und goldnen Tagen, daß es zum Bewundern war. – Sein Vater hatte vorzügliches Vergnügen an dem Silberbach gefunden; seine Mutter aber verwunderte sich, daß er seinen Vater bester Vater nenne, da er doch nur einen Vater habe.

Seine poetische Lektion bestand damals fast in nichts als Lessings kleinen Schriften, die ihm Philipp Reiser geliehen hatte, und die er fast auswendig wußte, so oft hatte er sie durchgelesen. Übrigens sieht man leicht, daß er, seitdem er ins Chor ging, zu eignen Arbeiten, die von ihm abhingen, eben nicht viel Zeit übrig behielt. Demohngeachtet hatte er allerlei große Projekte; der Stil im Kornelius Nepos war ihm z. E. nicht erhaben gnug, und er nahm sich vor, die Geschichte der Feldherrn ganz anders einzukleiden; etwa so wie der Daniel in der Löwengrube geschrieben war – dies sollte denn auch eine Art von Heldengedicht werden.

In einer Privatstunde bei dem Konrektor wurden des Terenz Komödien gelesen, und schon der Gedanke, daß dieser Autor unter die schweren gezählt wird, machte, daß er ihn mit größerm Eifer als etwa den Phädrus oder Eutropius studierte und jedes Stück, was in der Schule gelesen wurde, sogleich zu Hause übersetzte. –

Als er nun auf die Weise wirklich in sehr kurzer Zeit starke Fortschritte getan hatte, besuchte er den alten tauben Mann wieder, der nun weit über hundert Jahre alt und schon eine Zeitlang kindisch gewesen war, zu aller Verwunderung aber noch ein Jahr vor seinem Tode seinen völligen Verstand wieder erhielt. – Reiser wußte seine Stube am Ende des langen finstern Ganges, und ihm wandelte ein kleiner Schauer an, als er von ferne den scharrenden Gang des alten Mannes hörte, der ihn, da er hereintrat, sehr freundlich willkommen hieß und ihm mit der Hand winkte, daß er ihm etwas aufschreiben solle.

Mit vielem Entzücken schrieb ihm nun Reiser auf, daß er jetzt studiere und schon den Terenz und das griechische Neue Testament übersetze.

Der Greis ließ sich herab, an Reisers kindischer Freude teilzunehmen, und wunderte sich darüber, daß er bereits den Terenz verstünde, wozu doch schon eine Menge von Wörtern gehöre. Am Ende schrieb ihm Reiser, um seine Gelehrsamkeit ganz auszukramen, mit griechischen Buchstaben etwas auf – und der alte Mann ermunterte ihn zum fernern Fleiß und ermahnte ihn, des Gebets nicht zu vergessen, worauf er sich mit ihm auf die Knie niederwarf und gerade so wie vor fünf Jahren, da Reiser ihn zum ersten Male sah, wieder mit ihm betete.

Mit gerührtem Herzen ging Reiser zu Hause und nahm sich vor, sich ganz wieder zu Gott zu wenden, das hieß bei ihm, unaufhörlich an Gott zu denken – er erinnerte sich mit Wehmut des Zustandes, worin er sich als ein Knabe befunden hatte, da er mit Gott Unterredung hielt und immer voll hoher Erwartung war, was nun für große Dinge in ihm vorgehen würden. – In diesen Erinnerungen lag eine unbeschreibliche Süßigkeit, denn der Roman, den die frömmelnde Phantasie der gläubigen Seelen mit dem höchsten Wesen spielt, von dem sie sich bald verlassen und bald wieder angenommen glauben, bald eine Sehnsucht und einen Hunger nach ihm empfinden und bald wieder in einem Zustande der Trockenheit und Leere des Herzens sind, hat wirklich etwas Erhabnes und Großes und erhält die Lebensgeister in einer immerwährenden Tätigkeit, so daß auch die Träume des Nachts sich mit überirdischen Dingen beschäftigen, wie denn Reisern einst träumte, daß er in die Gesellschaft der Seligen aufgenommen war, die sich in kristallnen Strömen badeten. – Ein Traum, der oft wieder seine Einbildungskraft entzückt hat.

Reiser liehe sich nun von dem alten Tischer die Guionschen Schriften wieder und erinnerte sich, indem er sie las, an jene glücklichen Zeiten zurück, wo er seiner Meinung nach auf dem Wege zur Vollkommenheit begriffen war. – Wenn er nun manchmal durch seine äußern Umstände traurig und mißmütig gemacht war und ihm keine Lektüre schmecken wollte, so waren die Bibel und die Lieder der Madam Guion das einzige, wozu er wegen des reizenden Dunkels, das ihm darin herrschte, seine Zuflucht nahm. Ihm schimmerte durch den Schleier des rätselhaften Ausdrucks ein unbekanntes Licht entgegen, das seine erstorbne Phantasie wieder anfrischte – aber mit dem eigentlichen Frommsein oder dem beständigen Denken an Gott wollte es demohngeachtet nicht mehr recht fort. – In den Verbindungen, worin er jetzt war, bekümmerte man sich eben nicht mehr um seinen Seelenzustand, und er hatte in der Schule und im Chore viel zu viel Zerstreuung, als daß er auch nur eine Woche lang seiner Neigung zum ununterbrochnen Insichgekehrtsein hätte getreu bleiben können.

Indes besuchte er doch den Greis vor seinem Tode noch verschiedene Male, bis er auch einmal zu ihm gehen wollte und erfuhr, daß er tot und begraben sei. – Seine letzten Worte waren gewesen: Alles! alles! alles! – Diese Worte erinnerte sich Reiser oft mitten im Gebet oder auch sonst nach einer Pause in einer Art von Entzückung von ihm gehört zu haben. – Es schien dann zuweilen, als wollte er mit diesen Worten seinen zur Ewigkeit reifen Geist aushauchen und in dem Augenblick seine sterbliche Hülle abstreifen. – Darum war es Reisern sehr auffallend, da er hörte, daß der alte Mann mit diesen Worten gestorben sei, und doch war es ihm auch, als sei er nicht gestorben, so sehr schien dieser fromme Greis immer schon in einer andern Welt zu leben. – Tod und Ewigkeit waren die letzten Male, da ihn Reiser sprach, fast sein einziger Gedanke. – Es war Reisern diesmal fast nicht anders, als ob der alte Mann ausgezogen sei, da er ihn habe besuchen wollen, und dies war bei ihm nichts weniger als Gleichgültigkeit, sondern eine innige Vertraulichkeit mit dem Gedanken an den Tod dieses Mannes.

Indes hatte er an dem alten Mann wieder einen Freund seiner Jugend verloren, dessen Teilnehmung an seinem Schicksale ihm oft Freude gemacht hatte. Er fühlte sich in manchen Stunden, ohne selbst zu wissen warum, verlaßner wie sonst. – Die Frau Filter wurde der Last, welche ihr sein Aufenthalt bei ihr machte, ebenfalls immer überdrüssiger und sagte ihm endlich, nachdem sie dreiviertel Jahre lang Geduld gehabt hatte, die Wohnung auf, mit dem wohlgemeinten Rate, daß er sich nun nach einem andern Logis umsehen solle. – Indes war der Rektor des Lyzeums abgegangen, und der neue Rektor Sextroh, welcher an dessen Stelle gewählt wurde, war ein guter Freund von dem Pastor Marquard, der nun darauf dachte, Reisern bei diesem Mann ins Haus zu bringen, und ihn im voraus auf die großen Vorteile aufmerksam machte, welche ihm dadurch erwachsen würden, wenn er das Glück haben sollte, von diesem Manne in sein Haus aufgenommen zu werden. – Also bei dem Rektor sollte nun Reiser ins Haus ziehen – wie sehr schmeichelte dies seiner Eitelkeit! Denn, dachte er sich, wenn es ihm glücken sollte, sich bei dem Rektor beliebt zu machen, was für eine glänzende Aussicht sich ihm dann eröffnete, da überdem nun der Rektor sein Lehrer wurde, indem er nach Endigung seines ersten Schuljahres gleich nach Prima versetzt werden sollte, worin der Direktor und der Rektor allein Unterricht gaben.

Im Grunde war es ihm äußerst angenehm, daß ihm die Frau Filter die Wohnung aufsagte, weil er es nie hätte wagen dürfen, nur ein Wort davon zu erwähnen, daß er von ihr wegziehen wolle. – Hiezu kam nun noch, daß er die große Erwartung hatte, ein Hausgenosse des Rektors, seines künftigen Lehrers, zu werden. Allein um diese Zeit hatte sich eine neue Grille in seiner Phantasie zu bilden angefangen, welche auf sein ganzes künftiges Leben einen großen Einfluß gehabt hat.

Ich habe nämlich schon der Deklamationsübungen erwähnt, welche in Sekunda von dem Konrektor veranstaltet wurden. Dies hatte für ihn und Iffland einen so außerordentlichen Reiz, daß alles andre sich dagegen verdunkelte und Reiser nichts mehr wünschte, als Gelegenheit zu haben, mit mehreren seiner Mitschüler einmal eine Komödie aufzuführen, um sich im Deklamieren hören zu lassen – dies hatte einen so unendlichen Reiz für ihn, daß er eine Zeitlang Tag und Nacht mit diesem Gedanken umging und selber den Entwurf zu einer Komödie machte, wo zwei Freunde voneinander getrennt werden sollten und darüber untröstlich waren usw. – Auch fand er in Leydings Handbibliothek, die ihm jemand geliehen hatte, ein rührendes Drama in Versen: ›Der Einsiedler‹, welches er gern mit Iffland aufführen wollte. – Er wünschte sich denn eine recht affektvolle Rolle, wo er mit dem größten Pathos reden und sich in eine Reihe von Empfindungen versetzen könnte, die er so gern hatte und sie doch in seiner wirklichen Welt, wo alles so kahl, so armselig zuging, nicht haben konnte. – Dieser Wunsch war bei Reisern sehr natürlich; er hatte Gefühle für Freundschaft, für Dankbarkeit, für Großmut und edle Entschlossenheit, welche alle ungenutzt in ihm schlummerten; denn durch seine äußere Lage schrumpfte sein Herz zusammen. – Was Wunder, daß es sich in einer idealischen Welt wieder zu erweitern und seinen natürlichen Empfindungen nachzuhängen suchte!

In dem Schauspiel schien er sich gleichsam wiederzufinden, nachdem er sich in seiner wirklichen Welt beinahe verloren hatte. – Darum wurde auch in der Folge seine Freundschaft mit Philipp Reisern beinahe eine theatralische Freundschaft, die oft so weit ging, daß einer für den andern zu sterben entschlossen war. – Nun wurde ihm die Theatergrille so wert, daß die Sucht zu predigen beinahe ganz dadurch aus seiner Seele verdrängt wurde – denn hier fand seine Phantasie einen weit größern Spielraum, weit mehr wirkliches Leben und Interesse als in dem ewigen Monolog des Predigers. – Wenn er die Szenen eines Dramas, das er entweder gelesen oder sich selbst in Gedanken entworfen hatte, durchging, so war er das alles nacheinander wirklich, was er vorstellte, er war bald großmütig, bald dankbar, bald gekränkt und duldend, bald heftig und jedem Angriff mutig entgegenkämpfend.

Dabei war ihm nun die Aussicht auf Prima äußerst glänzend – denn die Primaner des Lyzeums in Hannover hatten wirklich so viele äußere in die Augen fallende Vorzüge, wie in wenigen Schulen stattfinden mögen. – Sie hielten alle Neujahr bei einer großen Menge Zuschauer einen öffentlichen Aufzug mit Musik und Fackeln, indem sie dem Direktor und dem Rektor ein Vivat brachten. – Am Abend darauf überreichten sie das eine Jahr dem Direktor und das andere dem Rektor ein freiwillig zusammengebrachtes Geschenk, das gemeiniglich über hundert Taler betrug, und wobei derjenige, der es überreichte, eine kurze lateinische Rede hielt – alsdann wurden sie mit Wein und Kuchen bewirtet und durften sich die Freiheit herausnehmen, ihrem Lehrer in seiner Behausung ein lauterschallendes Vivat zu rufen.

Fast ein Vierteljahr vorher wurde immer schon von der Anordnung dieses Zuges gesprochen.

Alle Sommer in den Hundstagen wurde von den Primanern öffentlich Komödie gespielt, wo ihnen die Wahl der Stücke und die Anordnung ebenfalls allein überlassen war. – Dies beschäftigte sie fast den ganzen Sommer über. – Dann fiel im Jenner das Geburtsfest der Königin und im Mai das Geburtsfest des Königs ein, wo allemal mit großer Feierlichkeit ein Redeaktus veranstaltet wurde, bei dem der Prinz, die Minister und fast alle Honoratioren der Stadt erschienen. Die Vorbereitung hiezu nahm nun jedesmal sehr viel Zeit weg. – Dazu kamen jährlich noch zwei öffentliche Prüfungen, die auch allemal mit Ferien begleitet waren. – Hiedurch ging freilich viel Zeit verloren. – Indes waren dies alles doch so viele glänzende Ziele für einen ehrgeizigen Jüngling, welche ihm den Reiz der Schuljahre immer wieder auffrischten, sobald er verlöschen wollte.

Etwa einmal einer der Anführer bei dem Zuge mit Fackeln zu sein oder die lateinische Rede bei Überreichung des Geschenks zu halten oder eine Hauptrolle in einem der aufgeführten Stücke zu bekommen oder gar eine Rede an des Königs oder der Königin Geburtstage zu halten, das waren die Wünsche und Aussichten eines Primaners des Lyzeums in Hannover. – Hiezu kam nun noch der elegante Hörsaal der ersten Klasse, mit dem zierlich gebauten doppelten Katheder von schöngebohnten Nußbaumholz und vor den Fenstern die grünen Vorhänge, welches alles sich vereinigte, um Reisers Phantasie aufs neue mit reizenden Bildern von seinem künftigen Zustande anzufüllen und seine Erwartung von dem, was nun mit ihm vorgehen würde, bis auf den höchsten Grad zu spannen. Sogleich nach seinem ersten Schuljahre ein Primaner zu werden, das war ein Glück, welches er sich kaum hätte träumen lassen.

Erfüllt von diesen Hoffnungen und Aussichten reiste er nun in der Ferienwoche vor Ostern mit Fuhrleuten, die denselben Weg nahmen, zu seinen Eltern, um ihnen sein Glück zu verkündigen. – Auf dieser Reise, da der Weg größtenteils durch Wald und Heide ging, nahm seine vorher erwärmte Phantasie einen außerordentlichen Schwung; er entwarf Heldengedichte, Trauerspiele, Romane und wer weiß was – zuweilen fiel ihm auch der Gedanke ein, sein Leben zu schreiben; der Anfang, den er sich dachte, lief aber immer auf den Schlag der Robinsons hinaus, die er gelesen hatte, daß er nämlich in dem und dem Jahre zu Hannover von armen, doch ehrlichen Eltern geboren sei, und so sollte es denn weiter fortgehen.

Sooft er nachher zu seinen Eltern reiste, es mochte nun zu Fuß oder zu Wagen sein, war unterwegens seine Einbildungskraft immer am geschäftigsten – ein ganzer Zeitraum seines verfloßnen Lebens stand vor ihm da, sobald er die vier Türme von Hannover aus dem Gesicht verlor – der Gesichtskreis seiner Seele erweiterte sich denn mit dem Gesichtskreis seiner Augen. – Er fühlte sich aus dem umschränkten Zirkel seines Daseins in die große weite Welt versetzt, wo alle wunderbaren Ereignisse, die er je in Romanen gelesen hatte, möglich waren – daß etwa von jenem Hügel plötzlich sein Vater oder seine Mutter wie aus der Ferne ihm entgegenkommen und wie er denn freudig auf sie zueilen würde – er glaubte schon den Ton der Stimme seiner Eltern zu hören – und da er nun das erstemal diese Reise tat, so empfand er wirklich das reinste Vergnügen der sehnlichen Erwartung, bei seinen Eltern zu sein: denn was hatte er ihnen nicht für große Dinge zu erzählen!

Da er nun am folgenden Mittag hinkam, bewillkommten ihn seine Eltern und seine beiden Brüder mit herzlicher Freude in ihrer ländlichen Wohnung. Sie hatten einen kleinen Garten hinter dem Hause und waren soweit recht gut eingerichtet. Aber mit dem Hausfrieden stand es leider, wie er bald sahe, noch nach wie vor. Er hörte indes von seinem Vater wieder die Zither spielen und die Lieder der Madam Guion dazu singen. – Sie unterredeten sich nun auch über die Lehren der Madam Guion, und Reiser, der sich in seinem Kopfe schon eine Art von Metaphysik gebildet hatte, die nahe an den Spinozismus grenzte, traf mit seinem Vater oft wunderbar zusammen, wenn sie von dem All der Gottheit und dem Nichts der Kreatur, das die Madam Guion lehrte, sprachen. Sie glaubten sich einander zu verstehen, und Reiser empfand ein unendliches Vergnügen in diesen Unterredungen mit seinem Vater, denn es war ihm schmeichelhaft, daß sich sein Vater, der ihn sonst nur für einen dummen Jungen zu halten schien, nun selbst über dergleichen erhabne Gegenstände mit ihm unterredete. Dann besuchten sie den Prediger und die Honoratioren des Orts, wo Reiser allenthalben mit ins Gespräch gezogen wurde und sich auch, weil ihm diese Behandlung Selbstzutrauen einflößte, dabei ganz gut nahm. – Die Nachbaren seiner Eltern, und wer sonst hinkam, waren alle aufmerksam auf den Sohn des Lizentschreibers, den der Prinz in Hannover studieren ließe. – Die reine, ungetrübte Freude, die Reiser in diesen wenigen Tagen genoß, verbunden mit den angenehmsten Hoffnungen ersetzte ihm reichlich allen Kummer und unverdiente Demütigungen, die er ein ganzes Jahr hindurch erlitten hatte.

So nahe wie seine Mutter nahm doch niemand in der Welt an seinem Schicksal teil – sooft er sich des Abends zu Bette legte, sprach sie das ›Gott walte‹ über ihn und schlug über seine Stirne das Kreuz dazu, wie sie ehemals getan hatte, damit er sicher schlafen sollte, und kein Abend und kein Morgen verging, wo sie ihn auch in seiner Abwesenheit nicht mit in ihr Gebet einschloß. – Mit Wehmut nahm Reiser Abschied von seinen Eltern, und da er die Türme von Hannover wiedersahe, so beklemmten traurige Ahndungen sein Herz.

Den andern Tag nach seiner Zurückkunft wurde er von dem Direktor zu der Klassenversetzung geprüft, und da er aus des Cicero Buche von den Pflichten etwas aus dem Lateinischen ins Deutsche übersetzen sollte, so fügte es sich, daß er in dem Exemplar, das ihm der Direktor gab, unglücklicherweise ein Blatt mit solcher Ungeschicklichkeit umschlug, daß er es beinahe zerrissen hätte. Durch so etwas konnte nun die Empfindlichkeit des Direktors, der in allem stets die äußerste Delikatesse suchte, gerade am stärksten beleidigt werden. – Reiser verlor unendlich bei ihm durch diesen Zug von anscheinenden Mangel an feiner Empfindung und feiner Lebensart. Der Direktor verwies ihm auf eine sehr bittere Art seine Ungeschicklichkeit, so daß Reisers Zutrauen zu dem Direktor, durch die Beschämung, worin er durch diesen bittern Verweis versetzt wurde, ebenfalls einen gewaltigen Stoß erhielt, wovon es sich nie wieder erholen konnte. Das schüchterne Wesen, das Reiser auf diese Veranlassung von nun an in der Gegenwart des Direktors bewies, diente dazu, ihn bei denselben noch immer mehr herabzusetzen. – Kurz, von einem einzigen zu schnell umgeschlagenen Blatte in dem Exemplar des Direktors von Ciceros Buche von den Pflichten schrieben sich größtenteils alle die Leiden her, die Reisern von nun an in seinen Schuljahren bevorstanden, und welche sich vorzüglich auf den Mangel der Achtung des Direktors gründeten, dessen Beifall, woran ihm so viel lag, er zuerst durch das zu schnelle Blattumschlagen verscherzt hatte.

Hiezu kam nun noch, daß die Frau Filter, ob er gleich von ihr wegzog, ihm doch sein neues Kleid einschloß und er mit einem alten Rock, den er noch von dem Hutmacher Lobenstein hatte, Prima besuchen mußte, wo er neben sich fast lauter wohlgekleidete junge Leute sahe. Der Rock gab ihm ein lächerliches Ansehen, weil er ihm zu kurz geworden war. Dies fühlte er selbst, und der Umstand trug sehr viel zu der Schüchternheit in seinem Wesen bei, das er in Prima mehr wie jemals äußerte. – Auch waren der Kantor und der Konrektor äußerst auf ihn aufgebracht, daß er ihnen von seiner Versetzung nach Prima vorher nichts gesagt und ohne ihren Rat diesen Schritt getan hätte. Er entschuldigte sich so gut er konnte damit, daß er es nicht bedacht hätte. Der Kantor verzieh ihm auch bald, aber der Konrektor hat es ihm nie verziehen, sondern es ihn noch lange nachher entgelten lassen. Er machte nämlich eine starke Forderung an Reisern für die Privatstunden, die dieser bei ihm gehabt hatte, und wovon jedermann glaubte, daß er sie ihm umsonst würde gegeben haben – dies Geld ließ er Reisern einige Jahre hindurch von seinem Chorgelde abziehen, wenn es dieser oft am nötigsten brauchte. – Ein Umstand, der ihn ebenfalls sehr niederschlug.

Nun bekam er in dem Hause des Rektors zwar eine Stube und Kammer, aber auch weiter nichts, denn der Rektor war selbst noch nicht recht eingerichtet. Reiser hatte noch eine wollene Decke von seinen Eltern, dazu mietete man ihm ein Kopfküssen und Unterbette, um ja so viel wie möglich zu sparen; wenn es nun des Nachts kalt war, so mußte er seine Kleider zu Hülfe nehmen, um sich hinlänglich zu bedecken. Ein altes Klavier, das er hatte, diente ihm statt eines Tisches, dazu hatte er eine kleine Bank aus dem Auditorium des Rektors, über dem Bette ein kleines Bücherbrett an einem Nagel hängend, und in der Kammer hatte er einen alten Koffer mit ein paar abgetragenen Kleidungsstücken stehen – das war seine ganze häusliche Einrichtung, wobei er sich aber doch um ein großes glücklicher befand als in der Stube der Frau Filter, in welcher sonst weit mehr Bequemlichkeiten waren.


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